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Angestupst zum Weiterlernen: „Lerngestaltung weiterdenken“ – Nele Hirsch


Wer Nele kennt, den überrascht nicht, dass sie das offenste Buch aller Zeiten geschrieben hat; ein Hyperbook, ein Stargate ins Bildungsinternet, dass sich geradeso benutzen lässt, wie es die tagesaktuelle Gedankenstruktur der Leserin erfordert.

Kerngedanke: Das Konzept Unterricht, das noch nie wirklich lernförderlich war, sei überholt, und deswegen sollten wir uns lieber an Lernfreude, Offenheit und Zusammenarbeit orientieren, wenn wir Lernen gestalten. Wir müssten uns vom Konzept des guten Unterrichts verabschieden, wenn wir gutes Lernen im digitalen Wandel realisieren wollen.

Um die Differenz zwischen Unterricht und gutem Lernen zu beleuchten, vergleicht Nele non-formale Lernsettings (bspw. das Lernen von kleinen Kindern) mit den Annahmen, die klassischem Lernen zu Grunde liegen.

Non-formales Lernen:

  • intrinsisch motiviert
  • Raum zum Erkunden, Ausprobieren, Fehler machen
  • individuell unterschiedlich an Vorerfahrungen anschliessend
  • Ergebnis oft offen
  • sozial, also im Austausch mit anderen.

Annahmen des Konzepts Unterrichts:

  • primäre Aufgabe lehrender ist es, Wissen zu vermitteln
  • Wissen wird dazu in Fächer und Themengebiete aufgeteilt
  • Das Ziel des Wissens steht fest
  • Alle Lernenden einer Lerngruppe lernen das Gleich in der gleichen Zeit
  • Lernen finde grundsätzlich allein statt. Abschreiben und Vorsagen ist verpönt
  • Am Ende wird überprüft, was gelernt wurde. Dazu werden Prüfungen geschrieben und vergleichend bewertet

Den digitalen Wandel beschreibt Nele dann als Katalysator für die sich ergebenden Widersprüche. Denn traditionelles Lernen bedürfe einer immer größeren Kraftanstrengung und funktioniere nicht mehr wie gewohnt, außerdem reiche es auch nicht mehr aus, da „die gesellschaftlichen Anforderungen in einer zunehmend digitalisierten und vernetzten Welt [andere sind], als sie es noch im Buchdruckzeitalter waren.“

Das Unterricht nicht mehr funktioniert, wie gewohnt zeigt sie daran, wie sich die Verfügbarkeit von Wissen durch das Internet und „KI“ verändert hat. Auf diese Veränderungen könne man auf zwei Arten reagieren; mit der „Zementmischer-Variante oder mit der „Komposterde-Variante“. Hier zeigt sich vom Prinzip her die Debatte zwischen Bewahrpädagogik und progressiven Kräften, zu denen sie sich ganz explizit zurechnet: „Ich bin ganz klar >>Team Komposterde<<. Nicht nur, weil >>Unterricht wie immer<< im digitalen Wandel wie dargestellt immer weniger funktioniert, sondern vor allen auch, weil er nicht mehr ausreicht.“ Der Nachweis dessen ist für mich eine der interessantesten Stellen im Buch. Die Autorin zeichnet am Beispiel dessen, wie sich ihre Art schriftlich zu kommunizieren verändert hat, den Leitmedienwechsel nach: „Mit dieser technologischen Veränderung hat sich zugleich auch die Art und Weise der Kommunikation verändert. Ich schreibe kürzer, erwarte schneller eine Antwort, und meine Adressatin kann bei Unklarheiten direkt nachfragen.“ Sie zeigt damit, wie „technologische Veränderungen in die Tiefenstrukturen unserer Gesellschaft wirken und sie transformieren“.

Die Struktur des Buches trägt dem, wie oben dargestellt Rechnung. Dadurch dient das Buch als Beispiel seiner These.

Über die Beschreibung einer entstehenden VUCA- Gesellschaft sei es außerdem nicht mehr ausreichend sich einen bestimmten Wissenskanon anzueignen. Wir bräuchten stattdessen eine Veränderungskompetenz, um an den transformativen Prozessen unserer Gesellschaft teilhaben zu können. Veränderungskompetenz sei die entscheidende Zukunftskompetenz, denn sie wir würden sie benötigen, um wünschenswerte Zukünfte zu gestalten.

Im nächsten Schritt stellt Nele die drei übergreifenden Prinzipien dar, die für eine veränderte Lerngestaltung unerlässlich seien: Lernfreude, Offenheit und Zusammenarbeit.

Lernfreude wird in Abgrenzung zu Symbolen wie Rotstift, Schulklingel und Zeugnissen, die Repräsentanten von Konkurrenz, Ausgrenzung und Entmutigung seien, als Gestaltungsmittel für eine solidarische Gesellschaft verstanden, in der gelernt wurde, dass es eben nicht darum gehe sich gegen andere durchzusetzen, sondern um die Gestaltung eines guten Lebens für alle. Außerdem sei Lernfreude ein Anzeichen für ernsthafte Weiterentwicklung. Dazu brauche es eine veränderte Lernkultur

Im Rückgriff auf die Geschichte >>Adler steigen keine Treppen<< stellt sie ihre Vorstellung von Offenheit dar. Weil Kinder Lernumgebungen im Sinne der Pädagogik nur auf die vorgesehen Art und Weise benutzen, solange Pädagog*innen anwesend sind und ansonsten ihre eigenen Wege finden, die für sie funktionieren, ist Offenheit ein wichtiges Prinzip. Dann können „Lernprozesse durch freudvolles erkunden und Ausprobieren entstehen“, denn mit Offenheit werde Lernen nicht nur besser, sondern auch Lerngestaltung niemals Routine oder langweilig. Man müsse lernseitig und nicht lehrseitig denken.

Zum Thema Zusammenarbeit fordert die Autorin: „Kollaboratives Lernen sollte im Kontext einer veränderten Lernkultur nicht länger die Ausnahme, sondern die Norm sein.“ Der Charakter der Zusammenarbeit solle dabei dem einer Jazzband gleichen. Im Zentrum stehe gemeinsame Verantwortung, die auch einer Bewältigung der Komplexität einer VUCA-Gesellschaft diene.

Das Buch deutet immer wieder über sich hinaus. Nach jedem Kapitel folgt eine Seite mit dem Titel: Das Wichtigste & deine nächsten Schritte. Auf ihr werden die Kernpunkte nochmals Zusammengefasst und Anknüpfungspunkte zur Vertiefung bereit gestellt. Abschließend gibt es eine Nordsternfrage, die die eigene Entwicklung in Abhängigkeit zu den Inhalten des Kapitels anstößt.

Insgesamt eine dringende Empfehlung an alle, die mitdenken wollen, wie Lerngestaltung weiter gedacht werden kann. Und an alle, die sich fragen, wie sich die Kommunikationsform „Sachbuch“ unter den Bedingungen der Kultur der Digitalität weiterentwickeln wird.


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