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Schulentwicklung – Bildung – Organisation

Wir remixen doch alle nur mit Wasser – „KI“ als Katalysator für Prüfungskultur

Zwi gläser mit Wasser eines mit einem Löffel

Beitrag zur Blogparade von Dr. Anika Limburg und Joscha Falck.

Wir sind uns alle einig, dass es dazu gehört sich etwas merken zu können und trotzdem haben wir alle uns in der Schule sehr viele Dinge gemerkt, die wir für Prüfungen brauchten, um sie anschließend wieder zu vergessen. Gelernt hatten wir sie nicht. Lernen ist ein bisschen wie Fahrradfahren. Dinge, die gelernt wurden, bleiben bei einem. Wenn wir Dinge verstehen und sie in unser Weltmodell übernehmen, dann und nur dann, möchte ich von Lernen sprechen. Das ist gut für mich, denn ich kann mir schlecht Sachen merken.
In einer Welt, in der Information sowieso ständig und überall verfügbar ist, ist der Wert davon, sich Dinge zu merken, nur noch begrenzt gegeben. Der Stellenwert von Wissen ändert sich. Es wird situativ hergestellt. Nehmen wir das Beispiel von Björn, der gerne wissen möchte wieviel Kerosin ein Transatlantikflug braucht, weil er mal Pilot werden möchte. Er wird darauf stoßen, dass jeder Flugzeugtyp abhängig von Beladung und Wetterverhältnissen einen unterschiedlichen Verbrauch hat. Miteinberechnen muss er auch, dass sich je nach Treibstoffzuladung und deren Gewicht die Reichweite auch wieder ändert. Dafür wird er auf eine komplizierte Formel treffen, die er sich nicht merken muss, weil sein Ziel nicht das EASA Lernziel 033.03.00.00 für die Ausbildung zum Berufspiloten ist, aber hat er sie einmal angewendet, so lernt er dabei viel über die physikalischen Bedingungen des Fliegens. (Ich glaube, dass Björn die trotzdem behält, einfach weil er das lernen wollte) Nichtsdestotrotz wird er im Anschluss wissen, dass es dafür eine extra Flugplanungssoftware gibt, die dann den Operational Flight Plan erstellt. Die Zeiten, in denen es sinnvoll war, sich Formeln auswendig zu merken, sind vorbei. Wir können Lernen jetzt fassen, als etwas, das dann am Ziel ist, wenn das selbst gesetzte Lernbedürfnis erfüllt ist. Und darüber müssen wir reden.

Ein wichtiger Tipp zur Bewertung neuer Technologien, von Kathrin Passig lautet: Wenn man schon nicht weiß, wie sich eine Technologie entwickeln werden wird, dann sollte man wenigstens nichts darüber sagen, denn auf diese Weise kann man hinterher sagen: Ich hab’s ja eh gewusst. Insofern lehne ich mich heute ein bisschen aus dem Fenster, weil es doch ein paar Eckpunkte gibt, an denen man versuchen kann, die weitere Entwicklung abzuschätzen. Mir drängt sich bei der Beobachtung dessen, was mit „KI“ geht und was nicht, die folgende These auf:

„KI“ kann in Schule wenig mehr sein, als ein Anlass, schulisches Handeln zu verändern, weil sie gnadenlos aufdeckt, an welchen Stellen das Lernen in Schule lediglich simuliert wird.

Das wohl größte und langweiligste Einsatzgebiet von „KI“ ist das Unterlaufen von veralteten Prüfungssettings. Das führt zu den absurdesten Diskussionen und Vorschlägen, wie es im Command & Control Mindset verhindert werden kann. Auf Seiten der damit konfrontierten Lehrkräfte führt das zu Frust und zu den berechtigten Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Prüfungen.

Menschen verhalten sich in Institutionen so, wie die Institution es von ihnen verlangt. Nun könnte man viel darüber schreiben, wie Schüler*innen der ggw. gesetzlich verankerten Prüfungskultur mit Auswendiglernen und kreativen Smartphoneverstecken begegnen, aber das möchte ich eigentlich nicht. Denn dass sich die ggw. Prüfungskultur in Richtung einer Kultur der Digitalität entwickeln muss, hat inzwischen selbst die KMK erkannt. Die teils grotesken Absurditäten, die die veralteten Regularien nach sich ziehen, sind also keine Neuigkeit mehr. Sie sind vielmehr Symptom der notwendigen Veränderung.

Der oben beschriebene Frust führt allerdings dazu, dass sich die Frage nach der Gestaltung der Prüfungen auch inhaltlich stellt. Häufig im Weg: Ein Leistungsdenken, dass mehr mit Erfahrungen im Sportunterricht, das auf toxischer Maskulinität beruht(e), zu tun hat, als mit dem, was LLMs kulturell aufdecken: Das Genie hat auch immer nur mit Wasser gekocht und wir remixen immer nur auf der Basis dessen, was wir schon kennen. Und dann kommt vielleicht noch eine großartige Idee dazu, die aber nur möglich wurde, auf Grund der spezifischen Erfahrungen, die wir als Einzelne mitbringen. Michael Seemann plädiert in einem anderen Zusammenhang dafür, dass wir den Mensch nicht als Individuum, sondern als Dividuum verstehen sollten, der immer nur materiell gegebene Pfadgelegenheiten wahrnimmt. LLMs antworten auf Basis ihrer Daten also immer nur auf die Frage: Was würde ein Dividuum, das alle Pfadgelegenheiten kennt, wahrscheinlich antworten? Allerdings gibt es da noch die LLM-Unschärferelation. Für dieses Begriffsungetüm möchte ich mich gleich entschuldigen. Um einer Vermenschlichung Vorschub zu leisten, spreche ich LLMs keine Fähigkeit zu halluzinieren zu. Die LLM-Unschärferelation bezeichnet dasselbe Phänomen. Dennoch ist es interessant festzuhalten, dass OpenAi inzwischen zugibt, dass diese Phänomene mathematisch unausweichlich seien, weil sie der Funktionsweise von LLMs entspringen. Wir können also davon ausgehen, dass sich LLMs weiter für die Beantwortung von Sachfragen nicht eignen werden. Es sei denn, ich kenne vorher schon die Antwort, oder habe ein sonstiges Korrektiv verfügbar. Dann stellt sich aber die Frage, wozu man den Umweg über „KI“ gehen soll. Sorry für „LLM-Unschärferelation“.

Gerade auch in einer VUCA-Welt bringt uns die Antwort auf die oben genannte Frage: „Was würde ein Dividuum, das alle Pfadgelegenheiten kennt, wahrscheinlich antworten?“ aber nicht weiter. Wenn wir mit Mehrdeutigkeiten arbeiten, dann ist es entscheidend, dass wir uns mit den verschiedenen Pfadgelegenheiten auseinandersetzen und gemeinschaftlich eine Lösung finden, die für alle möglichst gut funktioniert. LLMs haben auf alles eine Antwort. Aber unsere Antworten müssen sozial durchdiskutiert und anerkannt werden. In der Bildung ist der Weg das Ziel und die Abkürzung bringt uns nicht bzw. nur bedingt weiter.

Es werden meist drei Einsatztypen für das „Lernen mit KI“ angeführt:

  • Man kann tolle Bilder damit machen
  • Man kann schöne Musik damit machen
  • Man kann damit Texte entwerfen

In allen drei Fällen aber fällt das, was den eigenen Stil ausmacht, hinten runter. Die KI kann immer nur die Pfadgelegenheiten der Dividuen nachahmen. Eine wirklich neue, eigene Interpretation, kann nicht entstehen. Diese sind es aber, die das, was in Schule passiert, tatsächlich wertvoll machen. Der Rückgriff auf die jeweils eigenen Bedürfnisse und Persönlichkeiten. Diese verkürzen LLMs häufig-immer.

Für das Lernen braucht es weder Prüfungen, noch „KI“. Aber „KI“ macht es offensichtlich, dass wir Prüfungen nicht brauchen, sondern echte Lernanlässe.


Eine Antwort zu “Wir remixen doch alle nur mit Wasser – „KI“ als Katalysator für Prüfungskultur”

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