Der geschätzte Erik Grundmann schreibt in seinem Blogbeitrag „Schule nach dem Wissen“ folgendes:
Nun ist Wissen jederzeit verfügbar und mit KI sogar generierbar. Texte, Programme, Zusammenfassungen und Lösungen entstehen auf Knopfdruck. Damit bricht nicht Lernen zusammen, sondern die alte Funktion von Lernen.
Ich habe auch schon darauf hingewiesen, dass sich die Rolle von Wissen durch seine Verfügbarkeit verändert. Durch „KI“ kommt hier nochmal eine Dimension dazu, die ich an dieser Stelle gar nicht ausdiskutieren möchte, aber ich möchte davor warnen, das was „KI“ ausgibt, als Wissen zu betrachten und zu benennen. Wissen wird seit Platon als gerechtfertigte, wahre Überzeugung gefasst. Und diese Rechtfertigung ist etwas, was unserer Praxis entspringen muss. Wir müssen also, damit Outputs von Systemen zu Wissen werden können, erstmal selbst noch eine Rechtfertigung für den konkreten Output untersuchen und uns selbst davon überzeugen. Generierbar ist dann in diesem Sinne nicht Wissen, sondern lediglich Kandidaten, die zu Wissen werden könnten. Das sprachlich zu unterscheiden macht die Substanz dieser Unterscheidung deutlich. Dann im einen Fall befinde ich mich im irrealen Möglichkeitsraum, im anderen in der Wirklichkeit. Es handelt sich also nicht um eine philosophische Spitzfindigkeit ist, sondern um eine wichtige Unterscheidung, um unsere Erkenntnis theoretisch zu fassen.
Eriks These ist ja aber, dass sich durch die Verfügbarkeit von Wissen, die Funktion des Lernens verändere, und der möchte ich hier mal explorativ auf den Grund gehen. Denn es stimmt. Auch durch „KI“ funktionieren viele Aufgabentypen schlechter oder gar nicht mehr. Lernen scheint sich wirklich zu verändern und die beste Reaktion, die wir als Schule bisher kennen, um darauf zu reagieren, ist es, Lehrpersonen als Lernbegleiter*innen zu verstehen und das Schulgeschehen, das bislang durch Unterricht strukturiert war, in Projekten zu organisieren. Die Frage bleibt aber, ob sich die Funktion von Lernen tatsächlich verändert.
Im Beitrag stellt Erik die dazugehörige Frage: Wozu lernen Menschen, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist?
Dazu ist anzumerken, dass Lernen eigentlich immer der Orientierung dient, der Information, wenn man so will. I.e. der Formation des Denkens in eine bestimmte Richtung. Und das hat sich mE nur wenig verändert. Was sich aber Tatsächlich verändert ist die Überprüfbarkeit des Lernens, die sich als Beiprodukt der Erstellung von Aufsätzen, Klassen- und Hausarbeiten bisher ergab. Was sich verändert, spielt sich also im Bereich der Kontrolle ab. Die Funktion des Lernens bleibt unberührt. Die Funktion der Kontrolle des Lernens verändert sich. Und das schreibt Erik ja auch. Ich vermute, dass das an der Stelle einer dieser Fälle ist, in denen das „LLM“ eine Unschärfe in den Beitrag gebracht hat, die auch dem aufmerksamen Auge entging. Im Zusammenhang mit der Rolle von Lehrpersonen schreibt er:
Die klassische Rolle war Wissensquelle und Kontrolle. Diese Rolle wird technisch leichter ersetzbar.
Und während das für die Quelle das Wissens stimmt, trifft es auf Kontrolle nicht zu. Technische Kontrolle wird durch technische Hilfsmittel hilflos und sie widerspricht ja dem, worum es in Schule geht. Wir erinnern uns an das unsägliche Proctoring während Corona. Wenn es darum geht Verantwortung einzufordern, dann geht das nur ausserhalb von kontrollierten Räumen. Sonst handelt es sich lediglich um die Simulation von Verantwortung.
Ich glaube, dass wir es hier auch mit einem sozialen Phänomen der Transformation zu tun haben. Wir erleben in New Work-Kontexten eine Verflachung von Hierarchien bis hin zur Abschaffung der Wasserfallstrukturen und freiwilliger Vergemeinschaftung von Unternehmen bei absoluter Transparenz zum Wohle der Belegschaft und der Gemeinwohlökonomie. Dazu gehört eine Wiederentdeckung des Individuums und seiner Potenziale. Führung wird abgelöst von „New Leadership“ oder „Digital Leadership“ und in Betrieben werden Entscheidungen von denen getroffen, die am Nächsten am Problem sind, häufig mit neuen Methoden wie dem Konsent. Es geht hin zur dezentralen Verantwortung, zur Beteiligung aller an Entscheidungen, von denen sie betroffen sind.
All das findet in Schule nur selten statt. Und die Differenz zwischen dem, was in der Schule gilt, und dem, was ausserhalb der Fall ist, wächst jeden Tag.
Ich stimme Erik zu, wenn er schreibt, dass es in Schule darum geht: Orientierung zu geben, Denken zu strukturieren, Qualität zu beurteilen zu helfen und Verantwortung einzufordern. Die Ursache davon sehe ich aber nicht, bzw. nur begrenzt in „KI“, sondern in den sozialen Umwälzungen der Transformation, die in die Kultur der Digitalität mündet. Und, da hat Erik auch wieder Recht: Das hat massive Konsequenzen für die Architektur von Schule, genauso wie es massive Konsequenzen für unsere Gesellschaft haben wird. Deswegen bin ich heilfroh um die Initiative von Anne Sliwka et al., die zum Ziel hat, das gesamte Schulsystem zu einem lernenden System zu machen. Es stehen nämlich große Veränderungen an.
