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DigiTal Lost: Das sagenumwobene DigiTal und die Lügen der Anna aus Eldorado

DigiTal Lost: Das sagenumwobene DigiTal und die Lügen der Anna aus Eldorado

Wir befinden uns im DigiTal. Das DigiTal ist keine ferne Zukunft. Aber es ist weit entfernt. Wenn wir im DigiTal sind, dann scheint alles einfach zu sein. Neben dem Hammer, dem Telefon und dem Flugzeug gibt es das Werkzeug Computer und mit ihm können wir Dinge, die wir bisher mit dem Hammer und dem Telefon oder dem Flugzeug gemacht haben, schneller machen. Im DigiTal können wir Hämmer schneller miteinander vergleichen, Leute schneller benachrichtigen und Flugzeuge schneller finden, die uns von a nach b bringen. Im DigiTal reden die Leute gern von „digital gestütztem Unterricht“ oder von „digitalen Tools“, oder von “ digitalen Medien“. Im DigiTal erscheint alles als ein quantitativer Gewinn. Als böte der technologische Fortschritt lediglich die nächste Stufe einer linearen Entwicklung. Dabei verstellen die schroffen Wände des DigiTals die Perspektive auf die tatsächlichen Möglichkeiten, die oft keine linearen Entwicklungen sind, sondern häufig auch Nullstellen, Neubeginne, die eben schlicht eine neue Qualität beinhalten. Und diese ist paradigmatisch. Am deutlichsten scheint mir das beim gemeinsamen Arbeiten zu sein. Mit Etherpads kann ein Team heute ortsunabhängig und zeitunabhängig am gleichen Dokument arbeiten. Das mag aus dem DigiTal betrachtet mitunter so aussehen, als ob das nur ein schnelleres Arbeiten ist. Es handelt sich aber um ein neues Arbeiten.

Meine These ist an dieser Stelle also: Im DigiTal verliert man sich gerne, wenn man meint, dass der technologische Fortschritt durch Computer- und Netzwerktechnologie ein quantitativer sei und übersieht, dass es sich auch um einen qualitativen handelt.

Die Differenz dieser Perspektiven wird deutlich, wenn zwischen Organisationen kooperiert wird, von denen eine aus dem DigiTal herausschaut und die andere bereits das Paradigma der Digitalität verinnerlicht hat. Die Sollbruchstellen befinden sich beispielsweise in der Erwartungshaltung hinsichtlich Reaktionsgeschwindigkeit. Während in der einen Organisation die Email erst beantwortet werden kann, wenn die entsprechenden Entscheidungen auf höherer Ebene gefällt und hierarchisch kommuniziert worden ist, tritt man in der anderen Organisation mehr oder weniger ungeduldig von einem Bein aufs andere und fragt sich, wann es endlich im gemeinsamen Dokument weitergeht. Durch die veränderte Zusammenarbeit verändert sich nämlich nicht nur die Zusammenarbeit. Dadurch das alle gleichzeitig beteiligt werden können, entsteht mit der Zeit auch der Anspruch, dass alle gleichzeitig werden können und das hat wiederum Auswirkungen auf Hierarchien. Diese werden flacher bis eben und was zählt ist nun nur noch das gute Argument. Menschen in Organisationen, die Digitalität verinnerlicht haben, wird mehr und mehr das Verständnis dafür fehlen, dass Entscheidungen nicht argumentativ, sondern top-down fallen. Aus dem DigiTal betrachtet wirken diese dann ungeduldig und aufsässig.

Wenn man sich fragt, wo genau sich das DigiTal befindet, dann hat man eigentlich keine andere Möglichkeit als irgendwen zu fragen, der oder die es vielleicht weiß. Üblicherweise – ich habe es noch nicht anders erlebt – wird dann auf jemand Dritten, die lügende Anna, verwiesen. Anna habe gesagt, dass DigiTal befände sich hinter dieser oder jener Ecke des Buchdruckparadigmas, gegen Ende des Zeitalters der Druckerpresse. Das DigiTal befände sich irgendwo im Paradigma des Buchdrucks. Wenn man dann genauer nachfragt sagt das Gegenüber: „Naja, Anna log halt.“ Sie wusste es auch nicht. Das DigiTal, dass sich zwischen analog und digital befunden haben soll, existierte eigentlich nie. Als es noch sinnvoll war zwischen analog und digital zu unterscheiden, gab es kein DigiTal und dann, nach der Buchpresse, auch nicht. Das DigiTal ist ein Nichtort, wahlweise eine Dystopie oder eine Utopie, die wegen des unübersichtlichen Übergangs aus dem Zeitalter der Typografie hin zum Zeitalter der Digitalität bemüht wird. Man kann sich wunderbar in ihr verbuddeln und hoffen, dass diese Veränderungen an einem vorbeiziehen, ohne dass man sich mit ihnen beschäftigen muss. Zum vollständigen Mythos des DigiTals gehört aber auch, dass es hier eine ganze Reihe Goldgräber gibt, die einem beim Eingraben helfen, gegen einen kleinen Obolus. Eine ganze Branche lebt davon, von den Untiefen und den Gefahren des DigiTals zu erzählen.


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